Erbittert verfolgter Sündenbock
Als im Jahr 1913 im italienischen Aostatal das letzte Exemplar einer vermeintlich grausamen Bestie erlegt wurde, atmeten viele Bauern in der Alpenregion auf. Schließlich zählte man zu ihrem Beutespektrum neben Weidevieh auch Hirtenjungen und Kleinkinder, die sie angeblich sogar vor den Augen ihrer Eltern ergriff und verschleppte. Diese Mythen brachten dem Untier den Beinamen „Lämmergeier“ ein.
Manche Experten vermuten sogar, dass derlei „Fakes“ bewusst verbreitet wurden, um Kindsmorde zu verschleiern. Ohnehin hatten alle Geierarten im Alpenraum - anders als Adler, die man von jeher als Wappentiere glorifizierte, einen schweren Stand und wurden mit Armut und Geiz assoziiert. Und so kam es, dass dem Bartgeier mit allen Mitteln nachgestellt und sein Abschuss mit Prämien belohnt wurde.
Der Nahrungsspezialist
Anders als in einstigen Schauermärchen verbreitet, ist der Bartgeier in Wahrheit kein Jäger, verfügt er doch nicht einmal über dafür geeignete Krallen.
Streng genommen ist er anders als etwa sein Verwandter, der Gänsegeier, kein typischer Aasfresser, da er sich fast ausschließlich von Knochen verendeter Huftiere ernährt. Da sie diese noch nicht verdauen können, werden Nestlinge bei der Aufzucht anfangs noch mit Fleisch von toten Wild- und Haustieren versorgt.

Knochen enthalten neben Calzium viele nahrhafte Fette und Proteine, sind aber nur schwer verdaulich. Dass der Bartgeier diese spezielle Nahrung verwerten kann, verdankt er seinen extrem sauren Magensäften. Um auch sperrige Knochenstücke verschlingen zu können, besitzt er eine besonders große Schnabelöffnung. Für den Fall, dass ein Stück dennoch zu groß ist, um es ganz zu schlucken, wendet der ausdauernde Segler eine besondere Taktik an. Er trägt das Skelettteil in die Lüfte und lässt es aus großer Höhe auf Felsenplatten, den „Knochenschmieden“, fallen, auf denen sie zerschellen. Diese schlaue Strategie brachte dem Bartgeier den Beinamen „Knochenbrecher“ ein.
Ein untypischer Vertreter seiner Art
Nicht allein in seiner Ernährungsweise unterscheidet sich der Vogel von anderen Geierarten. Mit seiner Flügelspannweite von bis zu 2,90 Metern ist er neben dem Mönchsgeier der größte Vertreter unter den europäischen Greifvögeln. Zur imposanten und attraktiven Erscheinung des Bartgeiers trägt auch sein ausgeprägtes Gefieder an Kopf- und Hals bei, das beim Gänsegeier weitgehend fehlt.

Dieser dringt nämlich tief in den Kadaver ein, um an die Nahrung zu gelangen. Hier verhindert die relative Kahlheit, dass größere Federn beschmutzt werden und verkleben. Im Gegensatz zu seinem Artverwandten besitzt der Knochenfresser ein durchgängig prächtiges Gefieder, das bei erwachsenen Tieren zudem eine hübsche rostrote Färbung aufweist. Diese ist ihnen jedoch nicht von Natur aus gegeben, sondern eine Art Kosmetik, die durch das Baden in Wasserstellen mit eisenoxidhaltigem Schlamm aufgetragen wird.

Rückkehr in die Alpen
Bereits in den 1970er-Jahren wurden, leider gescheiterte, Wiederansiedlungsversuche in den französischen Alpen mit aus Afghanistan stammenden Tieren unternommen. In Österreich kam es 1986 zu einer ersten Auswilderung im Nationalpark Hohe Tauern, seither wurden dort bereits 63 Bartgeier freigelassen.
Um zu verhindern, dass bestehende Wildpopulationen in Asien und anderen Regionen durch Entnahmen geschwächt und gefährdet werden, beschränkt man sich darauf, junge Bartgeier aus Zoos und Tierparks heranzuziehen. Auch weiß man inzwischen, dass die Auswilderung von ganz jungen Vögeln aus der Zucht erfolgreicher verläuft, als die Freisetzung eingefangener Wildtiere.

In der Schweiz starteten engagierte Artenschützer Anfang der 1990er Jahre ein erstes Wiederansiedlungsvorhaben. Dort kümmert sich heute die „Stiftung Pro Bartgeier“ als vom Land legitimierte Organisation um Auswilderungen von Bartgeiern in der Schweiz und kooperiert dabei eng mit verschiedenen Partnern aus anderen Alpenländern. Zentral ist dabei die Zusammenarbeit mit der „Vulture Conservation Foundation“, die sich für den Schutz der vier europäischen Geierarten einsetzt.
Die Wiederansiedlung der Bartgeier in der Schweiz verläuft ausgesprochen erfolgreich, laufend kommen neue Brutgebiete in mittlerweile fünf Kantonen hinzu, so dass der Bestand an Brutpaaren stetig anwächst. Mit 26 ausgeflogenen Jungtieren konnte 2025 ein Rekordjahr verzeichnet werden.
Auch wenn in der Zwischenzeit viel erreicht werden konnte und bereits wieder 350 Bartgeier in den Alpen kreisen, ist die Wiederansiedlung noch nicht abgeschlossen, da es wegen der noch geringen genetischen Vielfalt der aktuellen Population einer stetigen Blutauffrischung bedarf.
Auswilderung in Bayern
In Bayern kümmern sich der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) und der Nationalpark Berchtesgaden gemeinsam um die Wiederansiedlung der seltenen Tierart. Im Juni 2021 wurden erstmals junge Bartgeier in der Region um den Watzmann ausgewildert. Seither transportierten die Projektbeteiligten jährlich zwei noch flugunfähige Tiere in Trageboxen zu einer 1.300 Meter hoch gelegenen eingezäunten Felsnische, wo sie in Nester aus Fichtenzweigen und Schafwolle gesetzt werden und Futter meist bestehend aus Gamsknochen vorfinden.
In den folgenden Monaten überwachen Wissenschaftler die Vögel rund um die Uhr mithilfe von installierten Infrarotkameras und eines Livestreams, den auch interessierte Vogelfreunde verfolgen können. Um nach dem Ausfliegen den Werdegang der Vögel weiterhin überprüfen zu können, werden ihnen GPS-Sender angelegt. Die ersten in den Vorjahren ausgewilderten Bartgeier kehren inzwischen regelmäßig von ihren langen, und für die Art typischen Wanderungen in den Jugendjahren in die Region des Nationalparks zurück. Und selbst wild geschlüpfte Bartgeier aus dem Alpenraum kommen mittlerweile in den Berchtesgadener Alpen zu Besuch.
„Wir erwarten in den nächsten Jahren die Bildung von ersten Brutpaaren und die Hoffnung wächst, dass in absehbarer Zeit das erste Bartgeierküken seit über 140 Jahren in Bayern schlüpfen könnte“
Toni Wegscheider, LBV-Projektleiter
Die in diesem Jahr (2026) ausgewilderten weiblichen Junggeier stammten beide aus Frankreich, „Zierl“ aus dem Zoo Beauval und „Alosa“ vom Zuchtzentrum Asters. Während sich Erstgenannte nach ihrer Ankunft Ende Juni wie die zuvor in der Nische ausgewilderten Jungtiere verhielt, entpuppte sich Alosa als wahre Draufgängerin, was das Projekt-Team vor ziemliche Herausforderungen stellte. Sie schwang sich nämlich mit nur 97 Tagen erstmals in die Lüfte, was ihr in der Folge sichtliche Schwierigkeiten bescherte. „Schließlich ist es eine Sache, mit ein paar Flügelschlägen loszusegeln, aber etwas ganz anderes, dann in den noch völlig unbekannten Steilflanken, Latschenfeldern und Geröllhalden mit unerwarteten Hangwinden und Thermiken umzugehen,“ so Toni Wegscheider.

Noch ohne jegliche Erfahrung wurde „Alosa“ bei ihren Flugübungen innerhalb weniger Tage von den Aufwinden immer weiter in die Hochlagen der Reiteralm getragen, wo sie von den Experten in anspruchsvollen Aufstiegen im teils weglosen Steilgelände mit Nahrung versorgt werden musste. Wie üblich achtete das Projektteam beim Auslegen des Futters auf eine möglichst heimliche Vorgehensweise, damit die Vögel keine Verbindung zwischen Mensch und Nahrung herstellen.
Am 17. Juli um 12:03 Uhr war es dann auch bei Zierl soweit, sie segelte im arttypischen Alter von 118 Tagen aus der Auswilderungsnische im Klausbachtal. Ihre gleichaltrige, bereits kurz nach der Auswilderung extrem früh ausgeflogene Artgenossin „Alosa“ verfolgte den Erstflug ihrer Kameradin aus den höhergelegenen Wandstufen am Knittelhorn.
Beim LBV und dem Nationalpark Berchtesgaden herrscht große Zuversicht, dass auch die beiden diesjährigen Bartgeier eine wichtige Rolle für die Rückkehr der gefährdeten Aasfresser in den Alpen spielen werden
Hansruedi Weyrich, der Bartgeier-Fotograf

Der Schweizer begeistert sich seit seiner Kindheit für die Natur. Als er vor 32 Jahren in Alaska zum ersten Mal einem Bären begegnete, entbrannte seine Leidenschaft für die Naturfotografie. Seitdem gewann er mehrere Preise bei internationalen Fotowettbewerben. In den Alpen widmet er sich hauptsächlich der Fotografie von Vögeln und Säugetieren sowie speziell von Bartgeiern. So begleitet er seit vielen Jahren mit seiner Kamera die Wiederansiedlungs-Projekte in seiner Heimat und in Deutschland.
Buchtipp

Wer bei einer Wanderung in den Hochlagen der Alpen immer mal wieder den Blick zum Himmel wirft, hat heutzutage mit etwas Glück wieder die Chance eine imposante Tierart zu entdecken, die dort über 80 Jahre gänzlich verschwunden war: dem Bartgeier.
Weil man ihm unterstelle, junge Weidetiere zu erbeuten, ja sogar menschlichen Kleinkindern nachzustellen, wurde der „Lämmergeier“ einst gnadenlos bejagt und schließlich ausgerottet.
Das Buch „Der Bartgeier“ stellt diesen faszinierenden Greifvogel vor, der sich in Wahrheit zu 90 Prozent von Knochen verendeter Huftiere ernährt und erzählt die Geschichte seiner erfolgreichen Wiederansiedelung. Es vermittelt Hintergrundwissen zur Biologie, Ökologie und Verhalten bis zu den Gefahren, denen der Bartgeier noch immer ausgesetzt ist. Und es besticht durch die atemberaubenden Bilder des Naturfotografen Hansruedi Weyrich.
Der Bartgeier
Seine erfolgreiche Wiederansiedlung in den Alpen
Hansruedi Weyrich / Hansjakob Baumgartner / Daniel Hegglin / Franziska Lörcher
ISBN 978-3-258-08192-2
Haupt Verlag, 248 Seiten, 48,00 Euro
Links:
Informationen u.a. zu Bartgeierführungen in Bayern:
www.nationalpark-berchtesgaden.bayern.de im Bereich „Veranstaltungen“ und bartgeier@lbv.de
Bartgeier Webcam:
https://www.lbv.de/naturschutz/arten-schuetzen/voegel/bartgeier/bartgeier-webcam/
Infos zur Auswilderung in Bayern:
www.lbv.de/bartgeier-auswilderung
Stiftung Pro Bartgeier: https://bartgeier.ch/
Nationalpark Hohe Tauern: https://hohetauern.at/de/natur/tierwelt.html
und https://hohetauern.at/de/forschung/greifvogelmonitoring/bartgeier-online



